Astronomiemuseum der Sternwarte Sonneberg


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Vortrag ueber Astronomie der Babylonier

Pressespiegel > 2009

Turm zu Babel – gigantische Sternwarte


von Roland Wozniak, erschienen am 11. April 2009 im „Freien Wort“


Trotz eines bereits vorangegangenen, ereignisreichen astronomischen Wochenendes an der Sternwarte waren die Astronomiefreunde zahlreich der Einladung zum turnusmäßigen Vortrag am Montagabend gefolgt. Dr. Monika Maintz von der Astronomieschule an der Landesternwarte der Universität Heidelberg referierte über die Astronomie der Babylonier.

„Die Ereignisse, von denen wir reden, liegen rund 5000 Jahre zurück“, so die Referentin. Einführend gab sie einen geographischen und geschichtlichen Überblick. Das alte Babylon lag im südlichen Teil des heutigen Irak, etwas südlich von Bagdad, beschrieb Dr. Maintz das einst bedeutende Reich zwischen Euphrat und Tigris. „Herrscher aus zahlreichen Volksstämmen eroberten und regierten das Gebiet“, war zu hören. Zu Beginn des dritten Jahrtausends vor Christus gab es hier die Stadtstaaten der Sumerer, es folgte das semitische Reich von Akad.

Um 2070 v. Chr. entstand zum letzen Mal ein großes Reich unter sumerischer Führung. Ab etwa 1900 v. Chr. ist die Rede vom Altbabylonischen Reich unter König Hammurapi. Babylon ist Zentrum des Reiches. Die Region ist geprägt von einer wechselhaften Geschichte. Aus der Zeit König Nebukadnezar II. zwischen 605 und 562 v. Chr. kennen wir die biblischen Geschichten der babylonischen Gefangenschaft der Israeliten und des gigantischen Bauprojektes des großen Turms. Der letzte große Herrscher in jenem Gebiet war wohl 331 v. Chr. Alexander der Große. Nach seinem Tod kam es zu Teilungen und häufigem Machtwechsel, bis seine Nachfahren von den Arabern abgelöst wurden.

Heute kennen wir diesen Landstrich vorrangig durch die aktuellen Meldungen aus dem Irak. „Dass wir überhaupt etwas aus jener Zeit wissen, verdanken wir der Tatsache, dass die Sumerer bereits eine Schrift entwickelten", erklärt Maintz. Zahlreiche Keilschrifttexte auf gebrannten Tontafeln ermöglichen einen Einblick in die Geisteswelt jener Tage. Dabei wurde die Keilschrift erst 1802 entziffert. Heute sind gerade einmal rund 2000 Assyrologen auf der Welt in der Lage, diese alten Texte zu lesen. Die heutigen Erkenntnisse über jene Zeit beziehen sich auf die Übersetzungen von Otto Neugebauer, die er nach zwanzigjährigen Studien im Jahre 1955 veröffentlichte. Und es sind beeindruckende und spannende Erkenntnisse, die jene Tontafeln uns heute vermitteln. Viele der Tafeln sind mit einer Vielzahl von Zahlenreihen beschriftet. Es ging um Tabellen, Produkte, Reziproken und Quadrate, ja selbst Kuben, Wurzeln, Exponenten oder Logarithmen waren bereits bekannt. Gerechnet wurde nach dem Sexagesimalsystem.


Die Zahl 60


Sexagesimalsystem: Während unser Zahlensystem, das Dezimalsystem auf der Zahl 10 basiert und mit Hundertern und Tausendern rechnet, basiert das Sexagesimalsystem auf der Zahl 60. Während sich die Zahl 10 lediglich durch 1, 2 und 5 teilen lässt, sind die Möglichkeiten bei der 60 viel größer, sie lässt sich durch 1, 2, 3, 5, 6, 10, 12, 15, 20 und 30 teilen. Erhalten hat sich das Sexagesimalsystem bis in unsere Tage. Die Einteilung der Zeit in 60 Sekunden, 60 Minuten, der Tag mit zweimal 12 Stunden oder bei der Gradeinteilung des Kreises, die 360 Grad, all das sind Größen, die noch auf jener Zahlenlogik basieren. Auch die Zahleneinheit Dutzend bedeutet 12 und fünf Dutzend sind ein Schock 60, rühren vom Modell der Babylonier.


„Die Astronomie der Babylonier ist noch eng verschmolzen mit der Religion und der Astrologie", zitiert die Referentin Jürgen Hamel. „Vielfach sind die Götter astraler Natur. Durch Gestirne wird ihre Macht symbolisiert, offenbart sich ihr Wesen, wird ihr Einfluss auf die Menschen ablesbar." Die Erkenntnisse der Babylonier basieren auf einer Jahrhunderte alten Beobachtung des Sternhimmels. Die Beobachtungen reichen bis in die Anfänge des 3. Jahrtausends v. Chr.

Man verfügte über genaue Kenntnisse der Gestirnstellungen, über die Aufgänge und über die Bewegung der Planeten. Die Sternbilder des Tierkreises waren bereits bekannt. All jenes diente zur Suche nach Vorzeichen, die Omina, die Gestirnstellungen und auch die Wetterphänomene, dienten zur Vorhersage irdischer Ereignisse von Ernte, Krieg und Frieden, von Seuchen oder von Leben und Tod des Herrschers. „Es waren typische „wenn, dann"-Aussagen", erklärt Monika Maintz und bringt ein Beispiel aus jener Zeit, „Wenn Venus in ihrem Feuerlicht die Brust des Skorpions beleuchtet, dessen Schwanz dunkel ist und dessen Hörner hell leuchten, so wird Regen und Hochflut das Land verwüsten, Ochsen und Großvieh wird dezimiert werden." Den Stand der Sterne interpretierte man als Zeichen der Götter Ea, Anu und Enlil. Dabei ist Ea der Gott der Unterwelt, Arni der oberste Gott der Sumerer und Enlil Gott der Windgeister. So heißt es zu Beginn der Omensammlung „Als Anu, Enlil und Ea, die großen Götter, nach ihrem Ratschluss die Orakel des Himmels und der Erde niedergelegt hatten". Die Omensammlung umfasst etwa 7000 Vorzeichen und entstammt zum Teil der Bibliothek des Assurbanipals in Ninive. „Die Erkenntnisse basieren rein auf Beobachtung und arithmetischen Berechnungen, man hatte keine Vorstellung und kein sphärisches Modell", so die Referentin.

Um 800 v. Chr. gab es einen Durchbruch zu tieferen astronomischen Erkenntnissen. Man war in der Lage, Mondfinsternisse vorauszusagen. 730 v. Chr. ist die erste vorausberechnete Sonnenfinsternis dokumentiert. 250 v. Chr. war man mit mathematischen Methoden bereits in der Lage zur Berechnung der Ephemeriden, das sind Tabellen, in denen zu jeder Zeit, an dem jeweiligen Ort die Planetenstände mit ihren genauen Orten aufgelistet sind. Die Gestirnsorte waren bereits auf den Himmelsäquator, der gedachten Linie des Erdäquators, projiziert ans Himmelsfirmament, bezogen.

Der Himmelsäquator, war der Weg des Gottes Anu, nördlich davon verlief der Weg des Enlil und südlich der des Ea, die Wege der Götter beschreiben bereits die Ekliptik, die scheinbare Bahn der Sonne um die Erde mit ihrer Schräglage zum Himmelsäquator. Wie die Babylonier zu ihren Erkenntnissen der Mathematik und der Astronomie kamen, wird wohl ein Rätsel bleiben. Die Griechen bezogen sich bis in die Neuzeit auf jenen Wissensfundus. Es sind Genies vom Format eines Johannes Kepler oder Carl Friedrich Gauß erforderlich, um unter jenen doch bescheidenen Beobachtungsbedingungen zu solch Erkenntnissen zu kommen, die auch heutiger wissenschaftlicher Überprüfung standhalten.

Von einem aber kann ausgegangen werden: Der gigantische Turmbau zu Babel sollte die größte Sternwarte der damaligen Welt werden! Kleinere Ausführungen dieser turmartigen Bauwerke sind in Darstellungen überliefert.




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