Massenansturm auf die Museen
Einrichtungen im Landkreis am Vorabend des Internationalen Museumstages gut frequentiert
Von Stefan Löffler
Sonneberg/Rauenstein -- Zu einer Erfolgsgeschichte wurde - trotz miesen Wetters -- die 7. Regionale Museumsnacht Coburg-Südthüringen, die im Sonneberger Land ihre Konzentrationspunkte in der Kreisstadt und in Rauenstein hatte. Der Erfolg war nicht nur den beteiligten Museen und ihren Sonderprogrammen geschuldet, die sich Samstagabend allesamt als Publikumsmagneten erwiesen, sondern auch der intensiven Nutzung dieser Besuchsgelegenheiten außer der Reihe durch Besucher aus dem benachbarten Oberfranken.
So auch im Falle des Astronomiemuseums der Sternwarte. Obwohl der bewölkte Himmel das Ausmachen von Sonnenflecken, -fackeln und -Protuberanzen als auch die nächtliche Saturn-Beobachtung schier unmöglich machte, lockten dennoch die historische Astro-Technik und die interessanten Vortragsthemen viele Leute aus nah und fern. "Im Durchschnitt hatten wir in jedem Vortrag 70 Zuhörer. Parallel dazu besichtigten weitere Besucher in Gruppen unsere Beobachtungskuppeln", berichtet Thomas Weber, Leiter des Astronomiemuseums.
Während er selbst sein Publikum mit Berichten über den Lebensweg der Sterne und ihre Bedeutung fürs irdische Leben faszinierte, führten freiwillige Helfer wie Thomas Müller vom Verein Freunde der Sternwarte die Fernrohre und weitere Technik vor. Müller war aber nur einer von zehn Vereinsmitgliedern, die Samstag auf dem Erbisbühl im Einsatz waren. Denise Böhm-Schweizer aus Lauscha beispielsweise, die im Verein der Arbeitsgemeinschaft Praktische Astronomie angehört, referierte über Raumfahrt. Anja und Rainer Bosecker hingegen verkauften Hungrigen die "Sternenbrötchen", die Bäcker Reinhard Motschmann aus Wildenheid extra zu diesem Anlass kreiiert hatte.
Unter den Besuchern der Sternwarte waren auch die Hammerschmidts aus Sonneberg und deren Freunde und Bekannte aus Dentlein bei Ansbach, Weigenheim bei Uffenheim und Miltenberg. Viele lauschten andächtig Hendryk Spanier, der mit Auszügen aus Camille Flammarions astronomischer Erzählung "Komet und Erde" in den Bann zog.
Bis zum Schluss des Abends konnten die Gastgeber auf dem Erbisbühl so fast 1 200 Besucher zählen. Zudem fühlte man sich geehrt, dass die zentrale Eröffnung der Museumsnacht - durch Sonnebergs Beigeordneten Heiko Voigt - diesmal auf der Sternwarte stattfand.
Rundum zufrieden war man aber nicht nur in Neufang. Ebenso gut lief der Abend auch im Museum von Somso, des bekannten Herstellers anatomischer und medizinischer Modelle. Vom vor über 100 Jahren für die Lohau-Schule hergestellten überdimensionalen Maikäfer bis zur von Somso-Jung-Talent Carola Behrens erstellten Zecke wurden die Besucher hier mit einer Unzahl historischer und zeitgenössischer Modelle konfrontiert, die viele zu stundenlangem Verweilen brachten. "Bei uns sind die Leute begeistert vom Inhalt jeden neuen Ausstellungsraumes", sagte Hanno Klug - und was sich Samstagabend rundum abspielte, gab ihm recht. Im Gewimmel nicht nur Sonneberger wie Alina Malsch (9), die hauptsächlich die Tiermodelle anzogen ("Mein Lieblingsmodell ist das von der Katze."), sondern auch besonders viele Coburger. Einige von ihnen hatten ihren ganz speziellen Anlass, einen solchen Ausflug nach Sonneberg zu unternehmen. Bei den Hofmanns beispielsweise, die selbst die Oma mitgebracht hatten, arbeitet die Tochter bei Somso - allerdings in Coburg. "Ihr Zeichen-Talent hat sie in diesen schönen Beruf gebracht", erzählt der Vater, der aber auch die soziale Ader der Somso-Unternehmer-Familie Sommer rühmte. So war's denn auch nicht verwunderlich, dass die Museumsbesucher an jenem Abend vor allem von Angehörigen dieser Familie versorgt und bedient wurden. Gegen Mitternacht rechnete Ina Sommer, eine Tochter von Firmenchef Hans Sommer, am Einlass alle gezählten Besucher zusammen und kam auf 280 - ein gutes Ergebnis fürs Haus. Aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus kam Samstagabend Günter Volk. Zusammen mit seinen Kollegen, Hanno Klug und Carola Behrens, führte der Biologie-Modellbauer hunderte durch die Räume des Somso-Museums. Jeder birgt neue Überraschungen, für viele sogar ganz und gar Ungeahntes.
Um diese Zeit wurde es schließlich auch im Deutschen Spielzeugmuseum ruhig, das Samstag einen ganz besonders turbulenten Abend erlebte. Hatte dieser zwar schon laut, aber dennoch besinnlich - mit einem Konzert Sonneberger Musikschüler, die mittels Trommel, Schlagzeug, Gitarre, Xylophon und Figuren-Staffagen die Bremer Stadtmusikanten aufführten - begonnen, so stieg der Lautpegel im Hause von da an stetig. Daran hatten aber nicht nur die vielen Besucher und das Spiel der Remdes auf Schäferpfeife und "Hümmelchen" ihren Anteil, sondern auch die begeisterten Ausrufe der Kinder beim Märchenspiel oder den Geschichten vom Kasperle. Puppenspielerin Vivian erzählte diese mit Marionetten den Steppkes und brachte sie zum Staunen. Noch hingerissener waren sie dann von der Schatzsuche im Museum. Nur erhellt vom Licht der Taschenlampen und geleitet von den wegweisenden Erzählungen von Robert Spielmann (Roland Wozniak) bewegten sich fast 100 Kinder und Erwachsene durch die Räume, bis sie endlich im Bären-Zimmer fündig wurden und der finale Sturm der Steppkes auf die mit Schoko-Talern randvoll gefüllte Schatztruhe anhob. Diese Taler waren nun bei kleinen Schatzsuchern wie Lisa-Marie Neubert und Lea Dobmeier (beide 10) genau so heiß begehrt wie das hölzerne, in streichholzschachtelgroßen Behältnissen verpackte Baukastenspiel aus dem Erzgebirge, dass die Musikschüler als Dank für ihren Auftritt erhielten.
Andächtiges Zuhören und Staunen waren angesagt, als Vivian mit Marionetten die Geschichte vom Kasperle, Gretel, der Fee Gutmunde und dem "Zankwasser" erzählte. Passend zum Motto der diesjährigen Museumsnacht - "Töne, Klänge, Laute" - war noch ein spätabendliches Konzert mit Falk Zenker arrangiert. "Ich erklinge heute im Museum gleich doppelt", konstatierte der Gitarrist und Klangkünstler, dessen Kreationen auch die erst Donnerstag eröffnete Sonderausstellung über Marseille-Puppen (Freies Wort berichtete) stetig instrumental begleiten.
Zum Schluss des kühlen Abends wurde es dann noch mal ganz heiß - mit der Feuerschau von Roland von Georgenberg und Hexe Vivian.
Letztendlich zählte man - allein am Abend - über 1 500 Besucher. Die prominentesten unter ihnen: Tankred Dorst und Ursula Ehler. Der aus Oberlind gebürtige Schriftsteller und Dramatiker von Weltrang - mittlerweile auch Ehrenbürger Sonnebergs - und seine Gattin hatten die Gunst der Stunde genutzt, um vom Bamberg aus einen Abstecher nach Sonneberg zu machen. Dorst ist ohnehin ein regelmäßiger Besucher des Spielzeugmuseums.
Was zur Museumsnacht 2010 auf den ersten Blick auffiel: Die meisten Besucher waren in Familie unterwegs. Egal ob nun Yvonne und Matthias Fritz-Schilling aus Judenbach mit ihren Töchtern Juliane, Jasmin und Josephine, die auf der Sternwarte begannen und dann weiter zu Somso tourten, oder aber die Wolffs aus Sonneberg, die sich mit Tochter und Enkel Lukas (7), einem bekennenden Spielzeugmuseumsfan, ganz auf Sonnebergs bekanntestes Haus konzentrierten.
Immer wieder gerühmt wurde der gut funktionierende Bus-Pendelverkehr der OVG in jener Nacht, bei der die Fahrer über Leerfahrten nicht klagen konnten. Im Gegenteil: Die Busse wurden intensiv genutzt.
Und so lag auch dank dieser Pendelbusse das Porzellanmuseum Rauenstein - mit kürzlich eröffneter Sonderausstellung zum Delfter Dekor - nicht etwa weit vom Schuss, sondern mitten im Geschehen. "Wir hatten 7 00 bis 8 00 Besucher", so Museumsleiterleiterin Veronika Buff. Die "Blaue Sehnsucht" - so der Untertitel der Sonderschau - hat also ihre anziehende Wirkung schon entfaltet.
Erschienen im Freien Wort am 17.05.2010